Abschluss mit Aussichten

Gesamtschule Nettetal

Die Gesamtschule Nettetal hat erreicht, dass fast alle Schüler nach der 10. Klasse auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen.

„BaseL“ (immer englisch ausgesprochen: „Bäs L“), das klingt nach Raumfahrt oder nach Basislager. Tatsächlich ist „BaseL” ein bisschen was von beidem. L steht für Learning, für Lernen. „BaseL“ hilft Schülerinnen und Schülern der städtischen Gesamtschule Nettetal bei der beruflichen Orientierung auf dem Arbeitsmarkt. Außerdem werden sie von Berufseinstiegsbegleitern beim Abheben in die Arbeitswelt optimal unterstützt. Die NRW-Schule wurde für ihr vorbildliches Engagement und für das „Basel“-Konzept von Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin als „Starke Schule” ausgezeichnet.
Die Gesamtschule Nettetal liegt idyllisch im Grünen, hat 950 Schülerinnen und Schüler, etwa 80 Lehrkräfte und kämpfte viele Jahre mit ähnlichen Problemen wie die meisten Gesamtschulen. Die Schüler wussten oft nicht, wie es beruflich weitergehen sollte, wenn sie nach der 10. Klasse die Schule verließen. „Viele Gesamtschüler werden vom Elternhaus nicht gepuscht”, weiß Roland Schiefelbein. Deshalb hat der frühere Schulleiter vor zwölf Jahren „BaseL“ erfunden: „Wir haben den gleichnamigen Förderverein gegründet, damit die Schüler motiviert werden zu lernen und ihr Leben gut meistern”, erinnert sich der Schulleiter, der seit anderthalb Jahren im Ruhestand ist.

„An diesem Projekt hängt mein Herzblut”, so Schiefelbein, der im CDU-regierten Nettetal seit über 40 Jahren SPD-Mitglied ist. Hinter dem mehrfach preisgekrönten Projekt steckt ein Gesamtpaket. „BaseL” hat erreicht, dass in den vergangenen Jahren 95 Prozent der Jugendlichen die Gesamtschule entweder mit einem Ausbildungsvertrag verließen oder mit einem konkreten Ziel ein Berufskolleg besuchten. „Wir sind in der Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wenn jemand von uns kommt, wissen die Betriebe, das passt und fluppt”, freut sich Schiefelbein.
Das Verfahren beginnt mit der Elterninformation, der Vorstellung der Coaches, es folgt die vom Verein finanzierte Potenzialanalyse; danach bewegen sich die Schüler vornehmlich in den Berufsfeldern, die ihn liegen könnten. Direkt neben der Schule gibt es einen eigenen Anbau. „Der Bau entstand ganz ohne öffentliche Mittel”, so Schiefelbein. „Weil wir keine Bibliothek hatten, haben wir Sponsorenläufe gemacht, bei örtlichen Firmen Materialspenden gesammelt. Handwerker haben Arbeitszeit gespendet und stellen seitdem hier ihre Ausbildungsberufe vor.“ Neben der Bibliothek gibt es nun einen zweiten Raum, mit einem großen Pult und vielen Stühlen. Dort widmen sich alle Mitglieder des Netzwerkes der Berufsorientierung: Eltern, Schüler, Lehrer sowie Vertreter von Handwerk und Wirtschaft. Der Verein finanziert für die Schüler eigens vier Berufseinstiegs-Coaches (auf 450-Euro-Basis), erfahrene Menschen mit viel Geduld und noch mehr Zeit. Sie beraten die etwa 30 Schüler pro Klasse, knüpfen Kontakte zu Firmen, helfen Bewerbungen zu schreiben, trainieren Vorstellungsgespräche und nehmen an Zeugniskonferenzen teil. Sie haben einen anderen Blick auf die Schüler, erkennen Potenziale, die für die Lehrer nicht sichtbar werden.

Spaß am Beraten: Hanan aus Nettetal bereitete gemeinsam mit einem Coach von "baseL" ihre Bewerbung vor - und ergatterte eine Lehrstelle im Einzelhandel.

Spaß am Beraten: Hanan aus Nettetal bereitete gemeinsam mit einem Coach von „baseL“ ihre Bewerbung vor – und ergatterte eine Lehrstelle im Einzelhandel.

Hanan aus Nettetal wollte eigentlich Fotografin werden. Als die 16-jährige Schülerin beim Praktikum merkte, wie viel Spaß ihr das Beraten im Elektronikverkauf machte, beschloss sie, in den Einzelhandel zu gehen. Gemeinsam mit dem BaseL-Coach bereitete sie die Bewerbungsschreiben vor und entwickelte einen Plan B. Sie lernte, über ihre Stärken zu sprechen und „auf gar keinen Fall hungrig zum Vorstellungsgespräch zu gehen”. Auch Hanans Mitschüler David fand mit Hilfe seines Coachs seinen Traumberuf: Der gleichaltrige Motorradfan absolviert eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Motorradvertrieb.
Klassenlehrer koordinieren die Kontakte zu Coaches, Firmen und Eltern. Zum Nettetaler Erfolgsprogramm gehört der Gästetag, an dem die Eltern der Schüler ihre Berufe vorstellen. Die Schüler besuchen im Gegenzug an Schnuppertagen deren Betriebe. An berufskundlichen Nachmittagen berichten ältere Auszubildende über ihren Weg. „Dafür investieren alle freie Zeit”, sagt Schulleiterin Angelika Eller-Hoffmann. „Wir sind doch für die Schüler verantwortlich.”
„BaseL” arbeitet mit einem Jahresetat von 45000 Euro, der über Spenden, Mitgliedsbeiträge und bis 2015 noch über Fördergelder (15000 Euro) der Arbeitsagentur Krefeld im Kreis Viersen finanziert wird. Die NRW-Landesregierung hat inzwischen das Übergangssystem „Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA)” etabliert. Die Folge: Obwohl Angebote wie „BaseL“ viel umfassender als KAoA sind, werden sie künftig nicht mehr von der Arbeitsagentur gefördert. Auch die Stadt Nettetal steht hinter „BaseL“, zumal seit diesem Jahr die Haupt- und Realschule und demnächst die Oberstufen das Angebot auch nutzen können. „Fast alle Schüler bekommen eine Lehrstelle”, freut sich Eller-Hoffmann.

Autorin: Maicke Mackerodt
Quelle: DEMO 07-08/2015, S. 10



Gesamtschule Nettetal

Die Gesamtschule Nettetal wurde für ihr vorbildliches Engagement und das „BaseL“-Konzept als „Starke Schule“ ausgezeichnet.
Foto: Julietta M. Breuer